Neulich, im Neuland

Wir schreiben das Jahr 2027. Identitätsdiebe treiben im Darknet ihr Unwesen. Polizei und Justiz sind überfordert. Anwälte gibt es nicht mehr, Richter auch nicht. Aufzeichnungen aus dem persönlichen Blog des Datenjägers Richard Gutjahr.

Es war kurz vor Mitternacht, als es an der Tür klopfte. Der Umriss, der sich durch den Bodyscan meiner Holo-Linsen abzeichnete, ließ auf eine mittelgroße Frau schließen, zierlich, um die 30, mit einem Faible für extravagante Kopfbedeckungen. „Mein Name ist Greta“, stellte sich die Dame vor. „Ich brauche Ihre Hilfe.“

Mein bedingungsloses Grundeinkommen war aufgebraucht, genau wie mein Hyperspeed-Datenvolumen.

Greta nahm Platz. Die Art, wie sie sich bewegte, wie sie ihre Beine übereinanderschlug, hatte etwas Katzenhaftes. Ihre Gesichtszüge waren markant, aber feminin. Blasse Haut, roter Lippenstift. Sie roch nach Seife und Chanel No. 5. Vor allem aber roch sie nach Ärger.

Für gewöhnlich mache ich einen großen Bogen um diesen Typ Frau. Dann wiederum: Was blieb mir übrig? Mein bedingungsloses Grundeinkommen war aufgebraucht, genau wie mein Hyperspeed-Datenvolumen, und der Monat hatte noch 22 lähmende Tage.

Greta begann zu erzählen. Von dem Tag, an dem sie gehackt wurde. Der Tag, an dem sie aufhörte, zu existieren. Wir schreiben das Jahr 2027. Organisierte Banden treiben ihr Unwesen im Netz, sie entführen Menschen, genauer gesagt, deren Daten. Ob Bankkonto, Versicherungspolice oder Geburtsurkunde; wer es mit diesen Gaunern zu tun bekommt und kein Lösegeld zahlt, wird sprichwörtlich von der Festplatte gelöscht, ausradiert aus dem Leben.

ID-Napping stand natürlich unter Strafe. Aber wer hielt sich noch an Gesetze? Anwälte waren schon vor Jahren abgeschafft worden. Eigentlich ein Grund zur Freude, das Problem: die Richter ebenfalls. Weil die Gerichte aufgrund der ausufernden Cyberkriminalität kollabierten, wurden Computersysteme eingerichtet, die in der Lage waren, auf Basis von Ermittlungsdaten und komplexen Algorithmen binnen Sekunden ein Urteil zu fällen.

Nicht immer waren diese maschinell errechneten Urteile gerecht. Aber was war schon gerecht? Und: Es war die einzige Möglichkeit, überhaupt noch irgendeine Form von Gerichtswesen aufrechtzuerhalten. Wem ein Urteil nicht passte (und wer über das nötige Kleingeld verfügte), der konnte den Bundes-Verfassungsrechner in Karlsruhe anrufen. Doch für Fälle wie den von Greta war ein solcher Weg nicht vorgesehen.

Richard Gutjahr ist Moderator, Journalist und Blogger Richard Gutjahr ist Moderator, Journalist und Blogger © Xenia Fink

Identitäts-Entführungsopfer konnten nicht zur Polizei gehen. Für die Behörden existierten diese Personen nicht. Ohne korrespondierenden Eintrag im Melderegister liefen selbst biometrische Daten wie Iris-Scans oder Fingerabdrücke ins Leere. Für NONs, so nannte man diese Nicht-Existenzen, gab es nur noch eine letzte Anlaufstelle: Leute wie mich.

Habe ich mich überhaupt schon vorgestellt? Mein Name ist Gutjahr. Richard Gutjahr. Freunde nennen mich Dick. Feinde auch. Im Analog-Zeitalter war ich mal Journalist. Das war, bevor der Robo-Journalismus in die Redaktionen Einzug hielt. Wir Reporter verloren damals alle unseren Job. Zugegeben, um die meisten von uns war es nicht schade.

Heute bin ich ID-Jäger. Das sind Menschen, die sich auf das Aufspüren von persönlichen Daten im Netz spezialisiert haben. Obwohl wir Identitätsjäger nicht gerade den besten Ruf genießen, braucht man uns. Wir helfen, vermisste Daten im Darknet zu lokalisieren und wiederzubeschaffen, egal wie. Bezahlt werden wir nur, wenn es uns gelingt, den Klienten vollständig zu rekonfigurieren. 30 Prozent seines Net-Values, plus Spesen.

Es war einer dieser Tage, an denen man nicht einmal seine Drohne vor die Tür schicken würde.

Am nächsten Morgen wurde ich von Klara, meiner digitalen Assistentin, geweckt. Die Knochen taten weh und mein Schädel brummte. Es war einer dieser Tage, an denen man nicht einmal seine Drohne vor die Tür schicken würde. Die Innenstadt von Frankfurt war in eine dicke Schicht von Sahara-Sand gehüllt. Die Luft war staubig und brannte in der Kehle. Zeit für einen Drink.

Bei Harry’s Bar um die Ecke hatte ich noch Kredit. Es war Sonntagmittag, die Straßen menschenleer. Ein Tesla Twohundred näherte sich. „Hau ab!“, signalisierte ich dem Bordcomputer und das Fahrzeug zog vorüber. Billiger, chinesischer Schrott, designed in California. Ich dachte zurück an die Zeit, als Automobile noch in Deutschland gebaut wurden. Damals durften wir noch selbst lenken und mit 220 Sachen über die Autobahn heizen. Verrückt.

Gretas Daten wiederzubeschaffen war ein Kinderspiel. Harry hatte Connections, sprichwörtlich. Durch seinen Keller verliefen die Kabel zum DE-CIX, einem der größten Knotenpunkte des Internets. Gegen eine kleine Schutzgebühr ließ mich Harry an sein Terminal. Wer konnte ahnen, dass exakt von hier aus einer der größten Daten-GAUs in der Geschichte des Digitalzeitalters ausgehen sollte? Die Stunde Zero, der Moment, der die weltweite Datenwende einläutete. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.


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