Digitale Selbstverteidigung geht alle an

Für viele ist das Internet quasi vom Himmel gefallen. Vor gerade einmal zehn Jahren wurden Smartphones eingeführt – zu einem Zeitpunkt, als nicht wenige noch daran glaubten oder zumindest hofften, dass das Internet als Trend wieder verschwinden würde und sie sich deshalb nicht damit auseinandersetzen müssten. Zehn Jahre später haben fast alle Netz, sei es in Form eines Smartphones oder von immer smarteren Fernsehern.

Jeder weitere eingebaute Computer erhöht aber die Komplexität für Fragen der Sicherheit und Privatsphäre, und oft wissen wir gar nichts darüber. Haben Sie eine Vorstellung davon, was Ihr Smartphone mit der Gesamtheit aller Apps gerade ohne Ihr Wissen nach draußen kommuniziert und ob jemand an Ihrem Mikrofon mitlauscht?

WIR HABEN KEINE AHNUNG, WER ZUGRIFF AUF UNSERE DATEN HAT

Finden Sie es auch praktisch, wenn eine Messenger-App einfach mal Ihr Adressbuch hochlädt und Ihnen anzeigt, wer von Ihren Kontakten bereits den Messenger nutzt? Der Anbieter empfiehlt das, und es ist bequem. Aber haben Sie jeden einzelnen Kontakt um Erlaubnis gefragt, ob Sie seine Kontaktdaten einfach mal dem jeweiligen Anbieter schenken dürfen? Viele wollen das nicht und werden vielleicht erst durch Ihre Unachtsamkeit enttarnt und ihrer Privatsphäre beraubt.

Laden Sie sich immer sofort die neuesten Updates für Betriebssystem, Browser oder Apps herunter, wenn die Meldung kommt – oder klicken Sie gerne auf demnächst, weil ein Neustart gerade nicht passt oder Sie einfach keine Lust dazu haben? Und lädt Ihr neuer Fernseher oder Ihre intelligente Kaffeemaschine auch noch zwei Jahre nach Kauf neue Sicherheitsupdates automatisch herunter, oder wird der Hersteller aus der Verantwortung gelassen?

Markus Beckedahl ist Gründer und Chefredakteur von netzpolitik.org Markus Beckedahl ist Gründer und Chefredakteur von netzpolitik.org © Xenia Fink

MILLIONENLECKS SIND KEINE SELTENHEIT

Keine Überraschung mehr sind die regelmäßigen Meldungen über Datenlecks bei großen Unternehmen. Oft geht es um dreistellige Millionenzahlen an kopierten Accounts, die dann häufig im Anschluss im Netz zu finden sind. Hinweise, dass man schnell die Passwörter ändern sollte, gibt es dann zwar viele. Aber mal ehrlich, wer ändert denn deshalb sein Passwort und merkt sich das neue? Passwortmanager wären hier hilfreich, wenn sie sichere Passwörter vorschlagen und sie sich auch noch merken. Aber wo werde ich darüber aufgeklärt, was ein Passwortmanager ist, und wer sagt mir, welche ihrer Anbieter empfehlenswert im Sinne von vertrauenswürdig sind?

WO BLEIBT DIE AUFKLÄRUNGSKAMPAGNE „GIB ÜBERWACHUNG KEINE CHANCE“?

Von klein auf bekommen wir beigebracht, wie wir uns im Straßenverkehr verhalten sollen. Zuerst von den Eltern, dann im Kindergarten und über die Schule bis zur Fahrschule. Aber wie man sich sicher im Netz verhält, wie man die eigene Privatsphäre in Zeiten kommerzieller und staatlicher Totalüberwachung schützt und auf keine Betrugsversuche reinfällt ist dann Eigenverantwortung. Gut für die, die mit Computern aufgewachsen sind und ein Verständnis dafür entwickelt haben oder einfach nur informierte Freunde besitzen bzw. auf Angebote zur Medienkompetenz in Bibliotheken oder Volkshochschulen zurückgreifen (können). Der Rest bleibt sich momentan selbst überlassen. Und wird damit nicht nur zum potenziellen Opfer, sondern auch zum Sicherheitsrisiko für alle anderen.

Medienkompetenz wollen alle. Aber wenn es konkret darum geht, dafür Töpfe in Haushalten zu schaffen, ist das Thema nicht mehr interessant genug. Das muss sich ändern. Denn Medienkompetenz bedeutet heute lebenslanges Lernen, weil technische Zyklen alle paar Jahre alles auf den Kopf stellen können. Daran konsequent erinnert zu werden und ständig an die jeweilige aktuelle Technik angepasste Lernmaterialien zur Verfügung zu haben, ist Aufgabe und Herausforderung unserer Gesellschaft. Die Arbeit mit offenen Bildungsmaterialien (kurz: OER, für Open Educational Resources) kann dabei helfen, Synergien zu nutzen. Zu oft kommt es heute noch vor, dass verschiedene Bildungsträger fast dieselben Aufklärungsmaterialien unabhängig voneinander entwickeln. Mehr Zusammenarbeit kann hier helfen, auf Vorhandenem aufzubauen und Neues zu generieren.

Trainer für Internetsicherheit

Die Digitale Nachbarschaft von DsiN bietet ehrenamtlich Engagierten eine kostenlose Ausbildung zum Trainer für Internetsicherheit und Datenschutz. Auch Sicherheitsthemen für das Vereinsleben werden adressiert.

www.Digitale-Nachbarschaft.de

Vor allem müssen wir uns mehr anstrengen, um aktuelles Wissen rund um IT-Sicherheit und Eigenverantwortung in die Gesellschaft zu tragen. Nicht nur junge Menschen sollten hier primäre Zielgruppe sein, die bringen sich das notfalls auch alleine bei. Mehr Anstrengung brauchen wir bei der Weiterbildung von Lehrern und anderen Multiplikatoren. Und wer denkt an unsere Eltern? Als ich klein war, reagierte unsere Gesellschaft auf die Bedrohung durch Aids mit Aufklärungskampagnen zur Nutzung von Kondomen. Das war erfolgreich, um die Gefahr einzudämmen. Die Kampagnen laufen immer noch, weil ein ständiges Erinnern notwendig für ein starkes Bewusstsein ist, dass man mit Kondomen nicht nur sich selbst, sondern auch die jeweiligen Partner schützt. Wir brauchen vergleichbare Kampagnen mit einem langen Atem und ausreichend finanziellen Ressourcen zur Sensibilisierung über IT-Sicherheit. Wo bleiben die Aufklärungskampagnen „Gib Überwachung keine Chance – nutze Verschlüsselung“?


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