Von Nutzern lernen Aufklärung darf keine Einbahnstraße sein

Während Pädagogen und Datenschützer warnten, eroberte die Jugend das Netz. Sind wir noch die Experten? Der Großteil aller Zwölf- bis Dreizehnjährigen in Deutschland (86 Prozent) besitzt laut JIM-Studie 2015 ein Smartphone – die Mehrheit davon (62 Prozent) verfügt dazu über ein All-Inclusive-Paket mit Internet-Flatrate. Unsere Kinder bewegen sich damit wie selbstverständlich und weitgehend unabhängig von der Hilfe oder gar Kontrolle ihrer Eltern in den sozialen Netzwerken. Sie nutzen ihr Smartphone als Werkzeug, beispielsweise um Bilder von sich zu machen und auf verschiedenen Plattformen online zu stellen – oder sie vertreiben sich die Zeit mit digitalen Spielen.

Was wäre, wenn unsere Kinder auf das gehört hätten, was Pädagoginnen und Pädagogen noch vor wenigen Jahren ihren Eltern geraten haben? Dass Smartphones nichts für Kinder seien, weil sie ihre persönlichen Daten aufzeichnen („ausspähen“), weil sie sie auswerten („überwachen“) und damit immer neue Nutzungsweisen eröffnen („kontrollieren“)? Was wäre, wenn sie auf ihre Eltern gehört hätten, die das Smartphone allenfalls als Telefon akzeptiert haben, das sie anrufen können, wenn sie sich um ihre Kinder Sorgen machen? Was wäre, wenn sie auf ihre Schulleiterinnen und Schulleiter gehört hätten, die das Smartphone – bis heute – gerne verteu- feln und zum Teil radikal aus dem Schulalltag verbannen, indem sie die Benutzung auf dem Schulgelände verbieten? Wie froh müssen wir sein, dass uns unsere Kinder nicht für voll genommen haben. Dass sie mutig auf das Neue zugegangen sind, dass sie alte Werte über Bord geworfen und neue Werte kultiviert haben.

Hand aufs Herz: Haben Sie Passwörter mehrmals vergeben?

Wer sich Neues aneignen will, muss oft etwas anderes aufgeben. Dieses Prinzip der „Schöpferischen Zerstörung“ ist im Prozess der Digitalisierung besonders sichtbar. Um Informationen zu teilen, muss ich diese preisgeben. Wer dagegen nicht möchte, dass andere Menschen Dinge über ihn wissen, der kann sich nicht sinnvoll an sozialen Netzwerken beteiligen. Ob es nur um das Wetter geht, um Eindrücke aus dem Urlaub oder um die Meinung zum aktuellen Zeitgeschehen – wer nicht spricht, wird nicht gehört.

„Sicher im Netz“ setzt voraus, „im Netz“ zu sein – Medienaskese dann also nicht unser Ziel sein. Sicherheitsbemühungen müssen auf die tatsächlichen Nutzungsweisen abgestimmt sein und dürfen diese nicht erschweren. Sonst surfen die User um sie herum. Ein Netzwerk wie Deutschland sicher im Netz ergibt also nur dann Sinn, wenn es die gewünschten Nutzungsweisen nicht behindert, sondern unterstützt. Sicherheitsregeln werden immer dann ignoriert, wenn sie zu kompliziert werden. Daten werden nicht mehr händisch gesichert, Passwörter auf zahlreichen Plattformen wiederverwendet, Trivialpasswörter gesetzt – und Smartphones nicht verschlüsselt. Was nützen all die Sicherheitsvorkehrungen, wenn sie in Wahrheit Sicherheitsbehinderungen sind, weil sie niemand gerne – und nur ein geringer Teil überhaupt – nutzt?

Thomas Krüger ist Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung Thomas Krüger ist Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung © Xenia Fink

Fatalistische Unbedarftheit

Es geht also nicht nur um die Vermittlung von Wissen an die Nutzerinnen und Nutzer. Insbesondere die Jüngeren unter ihnen sind bereits erstaunlich nutzungskompetent. Wenn sie trotzdem einen Hang zur fatalistischen Unbedarftheit entwickelt haben, dann auch, weil wir ihnen keine alltagstauglichen Sicherheitsmechanismen zur Verfügung gestellt haben. Hand aufs Herz: Haben Sie Passwörter mehrmals vergeben? Oder wissen Sie, was Ihre Smartphone-Apps und Nutzerkonten alles an Daten über Sie sammeln und was mit diesen Daten geschieht?

Eben. Weil niemand so recht versteht, wie sein E-Mail-Programm Nachrichten verschlüsselt, und dies ohnehin nur dann Sinn ergibt, wenn es die meisten anderen auch machen, verschlüsseln Sie Ihre Mails nicht. Weil jeder noch so kleine Online-Shop und jede Online-Community von Ihnen ein Passwort verlangen, können Sie sich die schiere Menge an mitunter kryptischen Zeichenfolgen nicht mehr merken. Sie sind zwar dereinst mit guten Vorsätzen gestartet, haben jedoch letztlich aufgegeben, für jede Seite ein individuelles Passwort zu vergeben. Ich darf Ihnen verraten: Sie sind nicht allein. Sie könnten außerdem jedem erklären, was Datenschutz bedeutet. Auf Ihrem Smartphone allerdings läuft ein Betriebssystem von Google oder Apple. Sie füttern mit Ihrem Gerät die riesigen Datenschätze der beiden Weltmarktführer. Sie tun dies und wissen darum. Aber die Websuche ist eben so furchtbar praktisch, alle Apps sind automatisch auf dem neuesten Stand und die Navigation weiß besser Bescheid über den Stau um die Ecke als der Verkehrsfunk im Radio.

Wer kann schon die ganze digitale Welt erklären?

MYDIGITALWORLD

Der Jugendwettbewerb myDigitalWorld in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung fordert junge Menschen der acht bis elften Schulklasse auf, zu zeigen, wie sie ihre digitale Welt sicherer machen. DsiN führt den Wettbewerb mit Förderung des Bundesministerium des Innern sowie Deutsche Telekom, Google und Ericsson als Paten durch. Den Gewinnern winken Klassenfahrten sowie Geld- und Sachpreise. Einreichungen sind bis 17 zum 12. Dezember 2016 möglich: www.mydigitalworld.org

Nutzerexpertise erfragen

Kürzlich hat die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) wieder eines dieser „BarCamps“ ausgerichtet. Das Besondere an so einer 18 „Un-Konferenz“ ist, dass sie ohne zuvor eingeladene Redner auskommt, die dann stundenlang PowerPoint-Präsentationen halten. Beim BarCamp werden alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazu angeregt, eigene Themenvorschläge ad hoc einzubringen. Diese werden gesammelt, und wenn sich genug Interessierte finden, werden dazu Diskussions- und Arbeitsrunden veranstaltet. In einem solchen Format würden insbesondere jene Stimmen hörbar, die bislang als „fatalistisch“ oder „gutgläubig“ gelten. Sie könnten Hürden aufdecken und Ansätze liefern, wie diese zu beseitigen wären. Und es spräche nichts dagegen, sich danach gleich ans Werk zu machen. Denn wenn mit den Nutzerinnen und Nutzern die eigentlichen Fachleute einmal zusammengekommen sind, warum laden wir sie dann nicht noch auf einige weitere Tage ein, um konkrete Lösungen zu erarbeiten?

Um die Kluft zwischen Sicherheitsanspruch und Nutzungswirklichkeit zu überwinden, müssen nicht nur die Verbraucher, sondern wir alle selbstkritisch sein. Denn wer kann schon die ganze digitale Welt erklären? Was wir hingegen können, ist die Menschen dort abholen, wo sie stehen, nämlich in ständiger Nutzung. Wir können sie für Sicherheit im Netz sensibilisieren, um dann gemeinsam beiderseitige Bildungsprozesse zu gestalten. Dabei dürfen wir nicht unsere Werte vorgeben, sondern müssen diese gemeinsam aushandeln.

Ich bin der Überzeugung, dass jeder Mensch bestimmte Expertisen aufweist und etwas zu erzählen hat. Durch die Kooperation des Schülerwettbewerbs mit „myDigitalWorld“ motivieren wir Schülerinnen und Schüler, ihre Nutzungsgewohnheiten zu re ektieren und auch ihr „digitales Ich“ besser kennenzulernen. Ich bin gespannt darauf, was sie dabei entdecken und berichten. Auch wenn wir nicht allem zustimmen werden, so lohnt es sich doch sicher, zuzuhören. Zeit, damit zu beginnen.

Schauen Sie, was Klaus Vitt, Staatssekretär im Bundesministerium des Innern in seiner Laudatio zum Jugendwettbewerb myDigitalWorld sagte, der 2016 mit dem Schülerwettbewerb der Bundeszentrale für politische Bildung kooperiert.

Von Nutzern lernen. Interview mit dem Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) Thomas Krüger auf dem DsiN-Jahreskongress anlässlich des 10-jährigen Bestehens von Deutschland sicher im Netz. Unter anderem ging es auch über die neue Kooperation zwischen der bpb und dem DsiN-Jugendwettbewerb myDigitalWorld.


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